Kapriolen der Gedanken – ein Kreativschreibkurs II

Heute im zweiten Teil des Kreativschreibkurses ging es wieder um Inspirationen aus verschiedenen Quellen: Liedtexte, selbstgesammelte Gegenstände, Beobachtungen in der Welt und Dialoge beim Mittagessen. Für unsere Geschichten hatten wir diesmal Zeit. Obwohl es nicht mehr als 30 Minuten waren, kam ich gedanklich viel langsamer voran. Ohne Impulse von außen und ohne gefühlten Zeitdruck meandern meine Gedanken im Kopf herum. Ich streiche Sätze, schreibe sie neu hin, streiche sie wieder. Eine Geschichte kam so gar nicht zu stande, die andere sieht so aus (in Unterstrichen stehen eingebaute, selbstgesammelte Impulse):

_Irgendetwas hatte sich in dem Hund verbissen. Alle konnten es hören, aber niemand öffnete die Tür._
Die Geräusche der Nacht, das Schaben, Knurren, Kratzen, waren hier nicht willkommen. Nichts Gutes kam je nach Sonnenuntergang.
Das _Stimmengewirr im Schankraum_ blieb unverändert laut. Gerade noch den Nachbarn konnte man verstehen. Verschiedene Gespräche flossen ineinander, wie _die blauen Tupfen auf einer Damenbluse_.

Der Wind ließ _Regentropfen_ hart gegen die Fensterscheiben prallen. Der Wirt hob eine Augenbraue in Richtung der Fenster. Sie sollten gut verschlossen sein und es bleiben. Draußen tobten schwarze Wolken. Alle hörten den Hund jaulen, dann kläffen. _Ein Mädchen wechselte den Sitzplatz. Ihre geflochtenen blonden Zöpfe hingen bis auf ihr weiß-blau gestreiftes Sommerkleid herab. Sie hielt einen Rougepinsel in der Hand und bestrich sich die Wangen mit unsichtbarer Schminke_.

Ein spitzer Schrei von Draußen. Dann ein Schuss, laut wie ein Donnerschlag, gefolgt von einem kehligen Knurren, bedrohlich nah. <> rief der Wirt, noch bevor sich die ersten Hälse zu recken begannen.
_Die Kappe des Schminkpinsels rollte vom Tisch. Ihr Fall zu Boden löste plötzliche Bewegung aus, als drei Erwachsene und das Kind versuchen gleichzeitig danach zu greifen_.

Im Dunkeln hörte man nichts mehr.

Kapriolen der Gedanken – ein Kreativschreibkurs

Ich habe heute an einem kreativen Schreibkurs teilgenommen. Hab eine irre Geschichte geschrieben. Im Akkord, denn die Übung ging auf Zeit: alle 6 Minuten hat die Kursleiterin uns einen neuen Impuls gegeben (z.B. Name, Geräusch, Duft, Ort), den wir in die Geschichte einarbeiten sollten (nicht mussten). Es gab insgesamt sechs solcher Impulse und ich habe alle in meiner Geschichte untergebracht.

Keine zeit um groß nachzudenken, einfach nur die Story voran bringen. Es war sehr cool.

Das kam dabei heraus (die Unterstriche markieren eingebaute Impulse):

<<Es hängt von uns ab, was wirklich ist.>>
Was ist denn wirklich?, fragte sich Enea und studierte den Satz noch ein Mal. Er frustrierte sie, weil er genau genommen doch bedeutete, dass jeder sich seine eigene Wirklichkeit strickt. Nein, sich sogar noch entscheidet, aus was für Wolle sie sein soll.
Sie schlug das Buch zu. Verdammt, dachte sie, wie leben wir dann alle miteinander? In wessen Wirklichkeit befinden wir uns? Und, ist das überhaupt wichtig? Enea stütze den Kopf in ihre Hand. Natürlich ist es wichtig. Muss es doch, wenn bewusst oder unbewusst Entscheidungen darüber getroffen werden, wie die Wirklichkeit aussieht, grübelte sie.
In der Konsensrealität war das, was alle sahen nicht zwingend das, was ist.
Ihre Schuhe könnten, wenn sie es jetzt entschiede, vielleicht Schlangen sein, die über den _blau gesprenkelten Mosaiksteinboden_ kriechen. Sie schlängeln sich unter Tischen und Stühlen hindurch. Eine vor bis zur Anmeldung, wo sie der Rezeptionistin in die Handtasche kriecht. Die andere versteckt sich im Schrank und erschreckt den Hausmeister, sobald dieser seinen Putzdienst antritt.

Was, wenn die Lampe eine kleine Sonne ist? Nein. Viele Sonnen. Nein! Glühwürmchen. Gefangen zur Belustigung und dann einem Zweck zugeführt, weil man nicht verschwenderisch sein wollte. Die vielen Stunden eifrigen Glühwürmchensammelns sollten nicht umsonst gewesen sein.
Der Lampenmacher wird sich auch bedankt und seinen Auftraggeber für verrückt gehalten haben. Die Herausforderung eine Glühwürmchenlampe zu bauen, die die Tierchen nicht das Leben kostet, war ungewohnt. Endlich ein Beweis seines Handwerks. Das Aushängeschild, nach dem er so lange gesucht hatte.
Gesucht, so wie _Anna, die Tänzerin aus Brooklyn_, bei der Enea den Sommer verbracht hatte.

Anna hat den richtigen Mann gesucht und war im Stripclub gelandet. Dann hat Anna einen Ausweg gesucht. Zu spät. Der falsche Mann hat sie ermordet. Eine so gute Tänzerin lässt er nicht einfach gehen. Nicht, nachdem sie seinen Club niedergebrannt hatte und mit dem Geld aus seinem Safe verschwinden wollte.

Wenn Wirklichkeit von uns abhängt, dachte Enea, dann entscheide ich jetzt: Anna ist nicht tot.
Sie hat das Geld genommen und sich ein neues Leben aufgebaut. Den richtigen Mann gefunden. Ihre erste große Nummer am Broadway getanzt. Anna, die Frau, die nach den Sternen griff und nicht nur Schätze, sondern auch ein fluffiges, rosa Einhorn fand.

Es klingt doch sehr nach Himmel, was ich mir da zusammendenke. Enea seufzte, schlug das Buch wieder auf und tat so, als würde sie darin lesen.
Ihr Fuß wippte auf und ab. Die Schlangen lauerten auf Beute. Die im Wandschrank findet vielleicht Wollmäuse, aber was würde die in der Handtasche essen? Bonbons, Kaugummi, die Vistenkarte irgendeines Gasts, der sich mehr von der Rezeptionistin erhoffte.
Enea zuppelte an ihrer Perlenkette. Die Warterei machte sie nervös.

Das _Parfüm_ der Frau gegenüber stieg ihr in die Nase. Frisch und schwer, erinnerte es sie wieder an Anna.
Nein, keinen weiteren Gedanken an diese Tragödie. Eneas Mund verzog sich zu einer schmalen Linie. Sie warf der Dame einen giftigen Blick zu. Soll doch eine der Schlangen sie beißen. Wie rücksichtslos von ihr den Duft so stark aufzutragen, mir damit ihre Wirklichkeit aufzudrücken.
Wenn es wirklich von uns abhängt, was wirklich ist, dann ist der Duft jetzt eine Wolke. Eine Regenwolke, die zur Decke steigt und dicke Tropfen in die Lobby regnet. Tränen für Anna und ihr fluffiges Einhorn. Für den Traum, der sich nie erfüllte.

Regen, mehr Regen, in dünnen Fäden, ein ganzer Strom. Bald steht der Boden unter Wasser – zum Glück können die Schlangen schwimmen. Enea lächelte, weil keiner bemerkte, wie durchnässt sie alle waren. Der Hausmeister wird heute viel aufzuwischen haben.

Wie damals, als sie mit Anna vor einem schweren Regenschauer in die _Coffe Bar_ floh. Ihr _Flug_ war wegen des Unwetters abgesagt worden. Das gab den beiden Freundinnen noch mindestens zwei Stunden miteinander.
Sie sind durch den Regen gerannt, um die gute Bar zu erreichen. Die, wo richtiger Kaffee serviert wurde, nicht dieser lösliche, der selbst mit Unmengen Zucker noch nach Magenschmerzen schmeckt. Durchnässt und glücklich tranken sie den heißen Kaffee zusammen. Versprachen sich zu schreiben, zu telefonieren. Enea wollte Anna wieder besuchen, aber diese lachte nur, als ob es eine alberne Phantasie wäre.

Drei Tage später war Anna tot.
Enea hatte es aus der Zeitung erfahren.
Ob sie es beim Kaffeetrinken bereits geahnt hat? Vermutlich. Der Plan war schließlich bereits in Annas Kopf gewesen. Sie hat sogar Andeutungen gemacht. Ans _Meer_ wollte sie sich mit dem vielen Geld absetzten. Weit weg von New York. Frei wie die _Möwe_ auf irgendeiner Insel landen. Erstmal ausruhen.

Enea griff ihren Hut und Mantel. Barfuss spazierte sie hinaus. Ließ Buch, Rezeption, Schrank, verregnete Lobby hinter sich.
Er war die Warterei nicht wert.
Sie musste es selbst machen.
Es hängt von mir ab, was wirklich ist, sagte sie sich, während sie durch den Regen stolzierte. Fremde Gesichter, die sich unter Schirme duckten, sahen sie ratlos bis verwundert an.
Enea spürte den Regen nicht. Sie achtete nicht auf den Weg. Immer der Nase nach, der Seeluft entgegen. Nackte Füße über nassen Asphalt.

Eine Möwe schrie. Enea sah auf die Uhr. _Einundzwanzig Uhr dreiunddreißig_. Noch sieben Minuten. Noch die Chance umzukehren, sich unterzustellen, einen heißen Kaffee zu trinken und ihre Wirklichkeit neu zu formen.
Sie lächelte. Was für Gedanken. Die Schlangen waren frei, Anna war tot und sie, Enea, hatte die Wolle ihrer Wirklichkeit ausgesucht und zu stricken begonnen. Der Wind zerrte an ihrem Mantel.
>>Für Anna!<<, schrie sie ihm entgegen und entlud die gezogene Pistole in einem dicken Mann mit gestriegelt glatten Haaren.
Die Überraschung auf seinem Gesicht war echt, da waren sich alle, die die Bilder in den Nachrichten sahen, einig.
>Geisteskranke nach Schießerei ertrunken.< ,las Anna die Schlagzeile und identifizierte einige Stunden später ihre Freundin, die man aus dem Fluss gezogen hatte.

Verantwortung.

Wer trägt eigentlich die Verantwortung mir mein Leben? Für das was ich tue und lasse?
Na klar: ich.
Ich ganz alleine? Niemand sonst? Warum?

Es gibt immerhin Faktoren, die ich gar nicht direkt beeinflussen kann. Mit wem ich verwandt bin, zum Beispiel. Ob jemand, dem ich vertraue, eine rote Ampel überfährt. Ob daraus ein Unfall entsteht.

Sobald es Interaktion mit anderen gibt, bin ich nur ein Teil der Gleichung und alle Teile beeinflussen sich gegenseitig. Auch hier bin ich für meinen Teil der Interaktion verantwortlich: was sage ich, was nicht und warum? Egal wie trainiert ich bezüglich Selbstbeherrschung und Kommunikation bin, es bleiben zumindest Grauzonen der Verantwortlichkeiten.

Ist volle Kontrolle über sich und seine Grauzonen erstrebenswert oder möglich?
Sind eigene Unachtsamkeiten gleich ein Verantwortungsmangel? Das sind Fragen mit denen sich ganz viele Menschen beschäftigen und ich weiß, dass ich die hier nicht im Alleingang klären werde.

Nun, wenn das mit der Selbstverantwortung schon grauzonig und schwierig ist, wie ist es dann, wenn Verantwortung für das Leben anderer dazu kommt? Als Mutter und Vater ist das so. Egal wie gut man sich vorbereitet, die Verantwortung hat das Potenzial dich vom Hocker zu reißen und dir den Boden unter den Füßen weg zu ziehen.
Plötzlich sind da Entscheidungen und Abhängigkeiten, dass es einem ganz schwindelig werden kann. Verantwortungen verschieben sich, Gefühle fahren Achterbahn und das Bedürfnis nach Sicherheit wächst auf allen Ebenen. Wenn Kinder dazu kommen, wird Klares plötzlich unklar und Gewisses ungewiss.

Wer steckt zurück?
Egal welche Entscheidung man wann trifft, irgendjemand verzichtet immer. Zahlreiche Gruppen konkurrieren darin Eltern gegen die Unsicherheit und das schlechte Gewissen (oder, positiv ausgedrückt: Für die Selbstsicherheit und ein gutes Gefühl) zur Entscheidungsfindung zu verhelfen. Jede davon mit eigenen Motiven und Ideen darüber was richtig und wichtig ist. Eltern haben die Wahl, wem sie zuhören und wessen Meinungen sie in welchem Bereich umsetzten. Daraus ergibt sich eine unendliche Vielfalt an Entscheidungen und Lebensführungen.

Da fängt die Verantwortung als Eltern, aber insbesondere als Menschen, an: Zu wissen was mir wichtig ist, wo ich mit meinem Leben hin will.
Weiß ich das nicht, dann werde ich zum Spielball. Ausprobieren was andere erzählen, um mich an mich selbst heranzutasten, um (mehr über) meine Grenzen und Bedürfnisse zu erfahren und vielleicht sogar um alles bisherige in meinem Leben in Frage zu stellen.

Kinder hören und sehen immer zu. Alles was die Menschen in ihrem Umfeld sagen und machen hat Einfluss auf sie, aber niemand kann wissen wie groß dieser Einfluss zu einem gegebenen Zeitpunkt ist. Jede Frage, die ich stelle, jeder Satz, den ich sage, jede Reaktion die ich zeige hat Auswirkungen auf sie. Welche Orte sie besuchen, welche Menschen sie kennenlernen. Das alles beeinflussen und entscheiden die Eltern eine sehr lange Zeit lang.
Wird man sich dieser großen, ein anderes Leben prägenden Verantwortung bewusst, kann das eigene Sein enorm in Frage gestellt werden. Wer bin ich und wer will ich sein? Wer kann ich sein? In welchem Maß ist Veränderung bei mir möglich? Will ich das überhaupt?

Die Fragen zu klären ist wohl die größte und schwerste Verantwortung. Es braucht sicherlich ein ganzes Leben und vermutlich ist die Antwort immer ungewiss.

Leichter wird es, wenn man sich nur auf sich selbst besinnt: was will ich und wie mache ich das möglich? Aber wenn man nicht mehr alleine ist, wie kann man sich das noch  beantworten? Nur, indem man sich wichtiger nimmt, als die Menschen um einen herum, auch, wenn es sich um die eignen Kinder handelt. Denn sobald die anderen wichtiger werden, stellt man sich andere Fragen und findet andere Wege, führt ein anderes Leben.

Was ist erstrebenswerter?
Das weiß niemand. Und vielleicht spielt es auch keine Rolle.
Vielleicht ist nur wichtig, dass man mit seiner Verantwortung leben kann.
Vielleicht ist wichtig, dass man vor lauter Verantwortungsbewusstsein nicht wie gelähmt in seinem Leben fest sitzt.