Kapriolen der Gedanken – ein Kreativschreibkurs

Ich habe heute an einem kreativen Schreibkurs teilgenommen. Hab eine irre Geschichte geschrieben. Im Akkord, denn die Übung ging auf Zeit: alle 6 Minuten hat die Kursleiterin uns einen neuen Impuls gegeben (z.B. Name, Geräusch, Duft, Ort), den wir in die Geschichte einarbeiten sollten (nicht mussten). Es gab insgesamt sechs solcher Impulse und ich habe alle in meiner Geschichte untergebracht.

Keine zeit um groß nachzudenken, einfach nur die Story voran bringen. Es war sehr cool.

Das kam dabei heraus (die Unterstriche markieren eingebaute Impulse):

<<Es hängt von uns ab, was wirklich ist.>>
Was ist denn wirklich?, fragte sich Enea und studierte den Satz noch ein Mal. Er frustrierte sie, weil er genau genommen doch bedeutete, dass jeder sich seine eigene Wirklichkeit strickt. Nein, sich sogar noch entscheidet, aus was für Wolle sie sein soll.
Sie schlug das Buch zu. Verdammt, dachte sie, wie leben wir dann alle miteinander? In wessen Wirklichkeit befinden wir uns? Und, ist das überhaupt wichtig? Enea stütze den Kopf in ihre Hand. Natürlich ist es wichtig. Muss es doch, wenn bewusst oder unbewusst Entscheidungen darüber getroffen werden, wie die Wirklichkeit aussieht, grübelte sie.
In der Konsensrealität war das, was alle sahen nicht zwingend das, was ist.
Ihre Schuhe könnten, wenn sie es jetzt entschiede, vielleicht Schlangen sein, die über den _blau gesprenkelten Mosaiksteinboden_ kriechen. Sie schlängeln sich unter Tischen und Stühlen hindurch. Eine vor bis zur Anmeldung, wo sie der Rezeptionistin in die Handtasche kriecht. Die andere versteckt sich im Schrank und erschreckt den Hausmeister, sobald dieser seinen Putzdienst antritt.

Was, wenn die Lampe eine kleine Sonne ist? Nein. Viele Sonnen. Nein! Glühwürmchen. Gefangen zur Belustigung und dann einem Zweck zugeführt, weil man nicht verschwenderisch sein wollte. Die vielen Stunden eifrigen Glühwürmchensammelns sollten nicht umsonst gewesen sein.
Der Lampenmacher wird sich auch bedankt und seinen Auftraggeber für verrückt gehalten haben. Die Herausforderung eine Glühwürmchenlampe zu bauen, die die Tierchen nicht das Leben kostet, war ungewohnt. Endlich ein Beweis seines Handwerks. Das Aushängeschild, nach dem er so lange gesucht hatte.
Gesucht, so wie _Anna, die Tänzerin aus Brooklyn_, bei der Enea den Sommer verbracht hatte.

Anna hat den richtigen Mann gesucht und war im Stripclub gelandet. Dann hat Anna einen Ausweg gesucht. Zu spät. Der falsche Mann hat sie ermordet. Eine so gute Tänzerin lässt er nicht einfach gehen. Nicht, nachdem sie seinen Club niedergebrannt hatte und mit dem Geld aus seinem Safe verschwinden wollte.

Wenn Wirklichkeit von uns abhängt, dachte Enea, dann entscheide ich jetzt: Anna ist nicht tot.
Sie hat das Geld genommen und sich ein neues Leben aufgebaut. Den richtigen Mann gefunden. Ihre erste große Nummer am Broadway getanzt. Anna, die Frau, die nach den Sternen griff und nicht nur Schätze, sondern auch ein fluffiges, rosa Einhorn fand.

Es klingt doch sehr nach Himmel, was ich mir da zusammendenke. Enea seufzte, schlug das Buch wieder auf und tat so, als würde sie darin lesen.
Ihr Fuß wippte auf und ab. Die Schlangen lauerten auf Beute. Die im Wandschrank findet vielleicht Wollmäuse, aber was würde die in der Handtasche essen? Bonbons, Kaugummi, die Vistenkarte irgendeines Gasts, der sich mehr von der Rezeptionistin erhoffte.
Enea zuppelte an ihrer Perlenkette. Die Warterei machte sie nervös.

Das _Parfüm_ der Frau gegenüber stieg ihr in die Nase. Frisch und schwer, erinnerte es sie wieder an Anna.
Nein, keinen weiteren Gedanken an diese Tragödie. Eneas Mund verzog sich zu einer schmalen Linie. Sie warf der Dame einen giftigen Blick zu. Soll doch eine der Schlangen sie beißen. Wie rücksichtslos von ihr den Duft so stark aufzutragen, mir damit ihre Wirklichkeit aufzudrücken.
Wenn es wirklich von uns abhängt, was wirklich ist, dann ist der Duft jetzt eine Wolke. Eine Regenwolke, die zur Decke steigt und dicke Tropfen in die Lobby regnet. Tränen für Anna und ihr fluffiges Einhorn. Für den Traum, der sich nie erfüllte.

Regen, mehr Regen, in dünnen Fäden, ein ganzer Strom. Bald steht der Boden unter Wasser – zum Glück können die Schlangen schwimmen. Enea lächelte, weil keiner bemerkte, wie durchnässt sie alle waren. Der Hausmeister wird heute viel aufzuwischen haben.

Wie damals, als sie mit Anna vor einem schweren Regenschauer in die _Coffe Bar_ floh. Ihr _Flug_ war wegen des Unwetters abgesagt worden. Das gab den beiden Freundinnen noch mindestens zwei Stunden miteinander.
Sie sind durch den Regen gerannt, um die gute Bar zu erreichen. Die, wo richtiger Kaffee serviert wurde, nicht dieser lösliche, der selbst mit Unmengen Zucker noch nach Magenschmerzen schmeckt. Durchnässt und glücklich tranken sie den heißen Kaffee zusammen. Versprachen sich zu schreiben, zu telefonieren. Enea wollte Anna wieder besuchen, aber diese lachte nur, als ob es eine alberne Phantasie wäre.

Drei Tage später war Anna tot.
Enea hatte es aus der Zeitung erfahren.
Ob sie es beim Kaffeetrinken bereits geahnt hat? Vermutlich. Der Plan war schließlich bereits in Annas Kopf gewesen. Sie hat sogar Andeutungen gemacht. Ans _Meer_ wollte sie sich mit dem vielen Geld absetzten. Weit weg von New York. Frei wie die _Möwe_ auf irgendeiner Insel landen. Erstmal ausruhen.

Enea griff ihren Hut und Mantel. Barfuss spazierte sie hinaus. Ließ Buch, Rezeption, Schrank, verregnete Lobby hinter sich.
Er war die Warterei nicht wert.
Sie musste es selbst machen.
Es hängt von mir ab, was wirklich ist, sagte sie sich, während sie durch den Regen stolzierte. Fremde Gesichter, die sich unter Schirme duckten, sahen sie ratlos bis verwundert an.
Enea spürte den Regen nicht. Sie achtete nicht auf den Weg. Immer der Nase nach, der Seeluft entgegen. Nackte Füße über nassen Asphalt.

Eine Möwe schrie. Enea sah auf die Uhr. _Einundzwanzig Uhr dreiunddreißig_. Noch sieben Minuten. Noch die Chance umzukehren, sich unterzustellen, einen heißen Kaffee zu trinken und ihre Wirklichkeit neu zu formen.
Sie lächelte. Was für Gedanken. Die Schlangen waren frei, Anna war tot und sie, Enea, hatte die Wolle ihrer Wirklichkeit ausgesucht und zu stricken begonnen. Der Wind zerrte an ihrem Mantel.
>>Für Anna!<<, schrie sie ihm entgegen und entlud die gezogene Pistole in einem dicken Mann mit gestriegelt glatten Haaren.
Die Überraschung auf seinem Gesicht war echt, da waren sich alle, die die Bilder in den Nachrichten sahen, einig.
>Geisteskranke nach Schießerei ertrunken.< ,las Anna die Schlagzeile und identifizierte einige Stunden später ihre Freundin, die man aus dem Fluss gezogen hatte.

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