Eltern, Kinder, Medien = Digitale Kulturvermittlung

Mediennutzung als Kulturtechnik

Im Oktober 2015 erschien ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen, der sich einerseits mit der Smartphonenutzung von Kindern und Jugendlichen beschäftigte, andererseits den
Umgang der Eltern mit der digitalisierten Kindheit thematisierte. Dabei wurde in vier
Verhaltensgruppen unterteilt: „laissez-faire“, „ängstlich-konservativ“, „freundschaftlich-
liberal“ und „kindzentriert-aktiv“. Informationen zur Internetaffinität und
Technikbegeisterung der Eltern fehlten ebenso wie ihre Begeisterung für Videospiele,
Filme und soziale Netzwerke. Warum sind diese Punkte wichtig?

[Bildquelle: xkcd.com (CC BY-NC 2.5)]

Unser Alltag beeinflusst unsere Kinder. Je nachdem wie stark Elternteile ihren Alltag von
dem ihrer Kinder trennen hinterlassen die elterlichen Interessen und Hobbies Eindruck
beim Nachwuchs. Hier wird Kultur vermittelt. Von den Eltern an die Kinder – wie steht die Familie zu Innovationen und Traditionen? Welchen Wert hat Fantasie, welchen Wert hat Realismus? Ordnet sich Kreativität und Neugierde vorgegebenen Regeln unter oder kann sie sich flexibel entfalten? Welchen Stellenwert haben Geschichten? Sind einige
Geschichten wertvoller als andere? Wie wird auf Gefahren reagiert? Defensiv, mit
Verboten und Strafen, der Flucht ins Altbekannte? Oder Offensiv, mit konstruktiver
Auseinandersetzung, Information und Raum für Veränderung? Wie wird mit Konflikten
umgegangen? Was wird in Zukunft wichtig sein?

Kulturvermittlung bedeutet Zeit nehmen.

Ähnliche Vermittlung findet im weiteren Umfeld der Kinder statt. Dort wo Kinder einen
großen Teil ihrer Wachzeit verbringen, findet die größte Kulturvermittlung statt. In einer
Welt, die mehr und mehr Diversität und Individualität zulässt, sind alle vielfältigen
Eindrücken und Umgangsformen ausgesetzt. Jede und jeder darf den eigenen Interessen
nachgehen und setzt sich gleichzeitig mit den abweichenden Interessen der anderen
auseinander. Dieses Interessenmeer zu navigieren ist schwer. Für Eltern, weil es nicht um
sie selbst, sondern ihren schützenswerten Nachwuchs geht, eine enorme
Herausforderung. Erfahrung hilft dabei Herausforderungen anzugehen. Aber die
Kindheitswelt der Eltern gibt es nicht mehr. Es hat sich viel getan. Bereits Spielzeug wird
zur Zeitreise: Neben den handgefertigten Stoffpuppen und Holzfiguren stehen nicht nur
maschinell gefertigte Produkte mit Geräuschen und Licht, inzwischen sind sie auch
internetfähig. Der Gefühlsaspekt unserer Erfahrung lässt sich übertragen: Freude am
Spiel(zeug), Traurigkeit und Wut, wenn es weggenommen wurde. Verständnis stellte sich
vielleicht später ein, vielleicht nie. Der Frust es hinnehmen zu müssen oder die Eltern zu
hintergehen und dann unehrlich zu erscheinen verhärtete mehr als das er nützte.

Es gibt eine Wissensverschiebung, weil es eine Lebensweltverschiebung gibt. Eltern und
Kinder können zusammenarbeiten, um dem Generationenkonflikt mit Verständnis zu
begegnen. Die Perspektive der Eltern sollte dafür veränderbar sein und bedeutet für
Medien mit Bildschirm, denn das klassische „Fernsehen“ gibt es so wie die Eltern es
kennen inzwischen nicht mehr, vor allem hinter selbigen zu blicken. Am Bildschirm spielt
sich allerlei ab: Spiele, Rätsel, Bücher, Filme, Unterhaltungen. Dinge, die uns noch auf
Papier beschäftigten und mitunter beachtliche Traglast ausmachten, wechseln das
Medium und bleiben gleichzeitig erhalten. Die Vor- und Nachteile aus beiden Welten zu
sehen ist hilfreich, wenn Eltern ihr Kind beraten wollen. Elektronische Medien brauchen
Strom, ermüden ggf. die Augen schneller und sind bei Sonneneinstrahlung oft nicht
optimal nutzbar. Papier ist weniger interaktiv, dafür unabhängig von Steckdosen. Es hateine andere Handhabung und hilft den Nutzern andere Fähigkeiten auszubilden.
Außerdem hat es Geschichte. Nicht nur, weil es mal eine Pflanze war. Es birgt
Verbindungen zur Kindheit vieler Generationen.

Jede Erfahrung ist eine Geschichte, jede Geschichteist eine Erfahrung.

Geschichten sind mächtige Lehrmittel, weil sie uns emotional und rational erreichen. Die
Werbebranche hat das begriffen und setzt auf „Storytelling“, Geschichten
erzählen als Werbemittel. Geschichten bauen auf Erfahrungen auf. Sie machen uns
Eindrücke zugänglich, die wir ohne weiteres nicht hätten oder die als eigene Erfahrung gar unmöglich umzusetzen sind. Ob Dokumentarfilm, der das Leben und Überleben in
unterschiedlichsten Lebensräumen zeigt, oder Science Fiction Streifen, geht der Blick über den Bildschirm hinaus, erschließen sich neue und interessante Gesprächsthemen, die unser Wissen erweitern können.

Im Kern vermitteln Geschichten oft ein Bild von konkurrierenden und kooperierenden
Bedürfnissen, wie wir sie aus unserem Alltag kennen. Der tragische Held, der sich den
Unwägbarkeiten des Lebens entgegenstellt – und trotz unfassbarer Fähigkeiten mit
Schwierigkeiten zu kämpfen hat, sogar verlieren kann. Ein Antiheld, der aus
oberflächlichen oder komplexen Gründen anderen das Leben schwer macht. Medien
stellen Geschichten dar. In Büchern, im Film oder in Videospielen kann Geschichte
lebendig werden. Vielleicht kann sogar der Ausgang verändert werden. Es bietet eine
Möglichkeit sich mit den Geschehnissen zu beschäftigen. Sogar Weltgeschichte kann
darin lebendig dargestellt werden – mit den Einschränkungen, die jedem Medium eigen
sind. Gleichzeitig sind Medien selbst der Geschichte unterworfen: von der Videokassette
zur BluRay, dem Tonbandgerät zur MP3, dem Telefon und Computer zum Smartphone.

Das Internet – Abbild der Gellschaft

Auch das Internet existiert nicht irgendwo getrennt von uns. Es ist da, gemacht von
Menschen für Menschen, früher abrufbar per Modem, heute in unserer Hosentasche. Die
Inhalte sind das getreue Abbild einer Stadt und ihrer Bewohner. Vielfältig, alle Nischen
abdeckend. Von Unterhaltung, Wissen, Information, Verwaltung, Einkauf, Glücksspiel,
Sex, Kriminalität. Es ist alles da. Wie so oft gern gesagt wird „nur einen Mausklick
entfernt“. Im Stadtbild gedacht heißt das: unsere Bankgeschäfte und Kindergärten können
neben Erotikshops oder Nobelkaufhäusern liegen. Nicht nur Hauswand an Hauswand.
Nein, Tür an Tür.

Das zu navigieren braucht Übung und Vertrauen. Übung bildet Erfahrung. Vertrauen ist
besonnener als Angst. Wir wissen, dass wir auch ohne Internet und Smartphones unsere
Hausaufgaben haben schleifen lassen. Immer dann, wenn anderes wichtiger war. Nun ist
da all die Ablenkung, die das Online-sein bietet.: Spiele, Filme, Freunde, Musik! Sogar
Bücher, elektronisch versteht sich. Hier kommen sozusagen alle anderen Medien
zusammen. Was früher getrennt war, kann sich jetzt auf ein und demselben Gerät
befinden. Einfach so.

Wir haben die Kontrolle. Ich weiß, die Angst erzählt etwas anderes. Die Angst flüstert uns
ein niemandem vertrauen zu dürfen. Uns auf niemanden zu verlassen. Sie formt unsere
Wahrnehmung nach anderen Schablonen als es das Vertrauen tut. Vertrauen allerdings
braucht Zeit und Begleitung. Und Zeit wird kostbarer, je mehr sich die Arbeits- und
Privatwelt vermischt. Viele kommen nicht mehr nach 8 Stunden nach Hause und genießen ihre Freizeit. Urlaub bedeutet nicht für jeden eine völlige Arbeitspause. Auch das sehen die Kinder.

Wir haben die Möglichkeiten um Gespräche zu suchen, unsere Eindrücke zu teilen,
unsere Geschichten zu erzählten. In Verbindung zu gehen zu den Interessen der Kinder, sie in unser Wissen einzubeziehen. Mehr als nur den Bildschirm zu sehen. Denn die Zeit lässt sich nicht zurück drehen. Was wir kannten, womit wir aufgewachsen sind, das ist nicht mehr. Die Bedingungen sind andere. Die Technologie ist eine andere. Natürlich können wir daran festhalten. Auch gegenüber unseren Kindern –
das ist Kontrolle. Aber damit schneiden wir eine heranwachsende Generation, die unsere
überdauern wird, von einem großen Teil gesellschaftlich bereits etablierter Kulturtechnik
ab. Ja, programmieren können ist in unserer Lebensrealität eine wichtige und weit
verbreitete Kulturtechnik. Ackerbau auch. Kein Kind muss das eine oder das andere bis
zur Professionalisierung lernen, jedoch kommt jedes Kind damit in Berührung. Das eine
mehr, das andere weniger. Lesen, Schreiben und Rechnen können sind weitere nicht
mehr weg zu denkende Kulturtechniken. Darüber werden Malen, Musizieren und Tanzen
oft vergessen. Welche Interessen ein Mensch ausbildet und welche Medien er dazu
bevorzugt nutzt, ist von vielen Einflüssen geprägt. Nicht zuletzt auch von den persönlichen Präferenzen des Menschen.

Menschen teilen Geschichten, schon immer.

Wir leben in einer der vielseitigsten Gesellschaften überhaupt. Unsere Geschichten zu
erzählen ist auf zahlreichen Wegen möglich geworden. Die bildliche Darstellung hat von
den ersten Höhlenmalereien über Fotografie und Film bis hin zu interaktiven Videospielen einen erheblichen Technologiewandel erfahren. Der Buchdruck, gefürchtet und verflucht von unzähligen Elterngenerationen, hat sich etabliert, erweitert und einen neuen, nämlich elektronischen, Markt erschlossen.
Seit den ersten Werkzeugen fand eine kontinuierliche Fortentwicklung der Technologien
und Techniken statt. Deswegen wird ohne äußere Zwänge kein Rückschritt auf ein
vergangenes Niveau erfolgen.

Eltern können ihren Kindern im Weg stehen oder sie begleiten. Stehend, kommt niemand weiter. Begleitung nimmt unterschiedliche Formen an und findet flexible Möglichkeiten.

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