Mütter, Körper, Gefühle.

Ankes Beitrag auf ihrem Gemüsebaby-Blog und macht mich auf die Blogparade zum Thema #mutterkoerper von Das frühe Vogerl aufmerksam. Als Kulturwissenschaftlerin, Beraterin und Frau, die ihr Leben inzwischen in die Prä-Kind-Ära und die Kind-Ära (= Mutterschaft) unterteilt, habe ich dazu natürlich auch eine Meinung. Oder Erfahrung. Oder einfach etwas zu sagen.

Körperwahrnehmung ist sowohl eine individuell verschiedene und sehr persönliche als auch eine ziemlich gesellschaftliche Sache. Was als „schön“ und „unschön“ oder als „schicklich“ und „unschicklich“ galt und gilt unterliegt einem andauernden Wandel. Eine Frage der Wahrnehmung, die wiederum eine Frage der Lebensumstände ist.
Ich selbst bin mit den Schönheitsidealen der 90er aufgewachsen, wo der Trend schon zum Schlanksein ging. In meiner Selbstwahrnehmung war ich nie schlank. Die so erstrebenswerten 1,70m Körperhöhe habe ich auch nie erreicht. Mein Körperbauplan hat sich für die geltenden Normen nicht interessiert und einfach sein Ding gemacht. Model wäre ich also in der Prä-Kind-Ära schon nicht geworden. Aber das war okay, denn so richtig sicher ob das überhaupt ein Job für mich wäre bin ich mir damals schon nicht gewesen. Bloß gegen einen flacheren Bauch hätte ich nichts gehabt. Ihr wisst schon, das Bindegewebe. Die Oberschenkel hätten auch schmaler sein können. Außerdem, die paar Zentimeter um wenigstens 1,70m groß zu sein, die hätte ich doch auch noch wachsen können. Ich hatte, obwohl ich mich so akzeptierte wie ich war, eben einiges an mir auszusetzen.

Mir kam meine Leidenschaft für Geschichte zur Hilfe. Botticellis Venus hat ein Bäuchlein und die Venus von Willendorf ist eine großbusige, knubbelige Frauenfigur, die man einfach gesehen und mit dem heutigen Schönheitsstandard verglichen haben muss. Jetzt, in der Kind-Ära sehe ich da eindeutig die Mama und ihren #mutterkoerper.
Früher hat mir das Wissen um solche Körperdarstellungen einfach nur über die Flut von „Sei TOLL – Sei SCHLANK!“-Darstellungen hinweg geholfen. Es sorgte also für eine Art Balance der Meinungen in meinem wirren Kinder-/Jugendkopf. Einen wirklich positiven Bezug zu meinem Körper half es nicht zu entwickeln. Dazu waren die Alltagseinflüsse der Negativkritik zu groß. Jahre später, als mich an der Uni jemand mal als „zierlich“ beschrieb, blieb mir vor Verblüffung der Mund kurz offen stehen. So hatte ich mich noch nie gesehen geschweige denn jemanden über mich reden hören. Ich ging möglicherweise als zierlich durch, yay!

Als ich schwanger wurde, sah mich ein Kommilitone an einer anderen Uni mitleidig von oben bis unten an. Für ihn stellten die zukünftigen Auswirkungen der Mutterschaft den Ruin für diesen tollen Körper (meinen!) dar. Das machte mich nachdenklich. Es war meine erste echte Begegnung mit so einer Meinung. Echt, weil sie mich nicht aus einem Magazin oder dem Fernseher ansprang. Die Schlagzeilen dort lauten ja eher: „Schaut alle her, die Frau wurde Mutter und sieht aus als ob sie nie ein Kind ausgetragen hätte!“

There is no other organ quite like the uterus. If men had such an organ they would brag about it. So should we. Ina May Gaskin, Hebamme

Ich finde nicht, dass Kinder zu bekommen einen Körper ruiniert – oder besser macht.
Es verändert. Innerlich und äußerlich. In der Schwangerschaft wächst der Brust- und Bauchumfang, manchmal lagert sich auch Wasser in den Extremitäten, insbesondere den Beinen, an. Damit der Bauchumfang wachsen kann, dehnt sich die Haut wie verrückt. Das juckt und zwickt und spannt. Ist aber wichtig, denn der Platz wird dringend benötigt. Irgendwo muss die Gebärmutter mit dem Baby ja hin wachsen. Sie drängt alle anderen Organe zur Seite, der weiche Bauchraum muss sich dehnen, immerhin ist der ganze Rest des Körpers schon längst belegt. Nach der Geburt ist dann auch alles erstmal weich und schwabbelig. Und das bleibt – bei der einen mehr, bei der anderen weniger und bei Frauen mit einer Familiengeschichte von beeindruckend starken Bindegeweben womöglich am wenigsten. Das ist okay. Kein Wettbewerb. Mit dem Finger aufeinander zu zeigen und „Nä, nä, nä, nä, näääää, mein Bindegewebe ist stärker als deins!“ zu rufen bringt außer Irritation eigentlich gar nichts.

Babykörper sind klein, wachsen heran, verändern sich, werden Kind und jugendlich, bekommen Haare an Stellen wo vorher keine waren (oder warten darauf), werden Mütter (oder Väter). Mütterkörper sehen anders aus, weil sie etwas durchlebt haben, was wichtig war.

Mein Bäuchlein hängt immer noch, wie früher, nur etwas mehr. Es hat die komische Eigenschaft entwickelt sich stärker unter der Kleidung hervor zu wölben, nachdem ich etwas gegessen habe. Ich mag das nicht, aber ich leide auch nicht darunter. Es ist eben so. Wenn ich wollte, könnte ich entsprechend weitere Kleidung kaufen oder mir mit Miedern und Corsagen behelfen. Der Bauch hat aber auch echt was geleistet! Guter Bauch. Irgendwie hat er sich da das Recht jetzt mit seinen Streifen rumzuhängen verdient.

Eigene Milch macht mein Körper auch! Einfach so aus dem was ich esse und trinke. Beim zweiten Kind war das schon Normalität für mich, aber ich weiß noch wie ungläubig ich beim ersten Kind darüber gestaunt habe was mein Körper alles kann. Einen anderen Menschen ernähren, sättigen und dadurch nach der Schwangerschaft weiter wachsen lassen. Aus eigener Kraft. Wow. Das ist für einige Frauen keine Selbstverständlichkeit, andere wollen es gar nicht ausprobieren. Für mich war es das was ich mir erhofft habe.

Mein Mutterkörper kann auch Tränen fließen lassen wo vorher keine kamen: Wenn in fiktiven oder dokumentierten Geschichten Kinder oder deren Familien(mitglieder) zu Schaden kommen könnten. Manches kann ich gar nicht mehr ansehen. Oder anhören. Ja, ich habe sogar schon jemanden in seinem Redefluss unterbrochen, mit der Bitte nicht weiter zu erzählen, falls es darauf hinaus läuft, dass dem Kind oder der (werdenden) Mutter etwas zustößt. Ich weiß sehr genau wie die Welt ist und sein kann. Ich habe genug Ängste und Sorgen. Seit ich Kinder habe nicht mal mehr um mich, sondern um sie. Diese mehr-als-ich-Menschen, die bleiben sollen, wenn ich mal nicht mehr bin. Wenn mein innerlich und äußerlich weicher gewordener Mutterkörper unveränderlich fest wird.

Mein Mutterkörper kann Gefühle noch mal ganz neu und anders fühlen als es mir in der Prä-Kind-Ära möglich war. Mein Mutterkörper kann mehr leisten und tragen als ich in der Prä-Kind-Ära zu leisten und tragen bereit war.

Ich mag ihn nicht mehr oder weniger als zuvor. Aber ich bin sehr beeindruckt von seinen Fähigkeiten.

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